Die Dämmerung der Multilateralität: Eine Chronik der globalen Bedrohungen
Es gibt Dokumente, die sich lesen wie die nüchterne Bestandsaufnahme eines heraufziehenden Sturms. Der Jahresbericht 2025 des niederländischen Militärischen Nachrichten- und Sicherheitsdienstes (MIVD) ist ein solches Dokument. In einer Zeit, in der die geopolitische Tektonik spürbar bebt, liefert der Bericht eine schonungslose Analyse einer Welt, die sich zunehmend in Machtblöcke aufspaltet. Das multilaterale System, jenes feine Gewebe aus Regeln und Institutionen, auf das der Westen jahrzehntelang vertraute, steht unter enormem Druck. Vizeadmiral Peter Reesink, Direktor des MIVD, bringt es in seinem Vorwort auf eine beunruhigende, aber treffende Formel: „Die Frage ist nicht, ob wir bedroht werden, sondern wie gut wir auf diese Bedrohungen vorbereitet sind“.
▪️ Der russische Schatten und die tickende Uhr
Russland bleibt die größte und unmittelbarste Bedrohung für den Frieden in Europa. Doch der MIVD blickt über die Schützengräben der Ukraine hinaus und zeichnet das Bild eines Staates, für den dieser Krieg einen existenziellen Charakter angenommen hat. Es geht Moskau nicht primär um Territorium, sondern um die Zerschlagung der europäischen Sicherheitsarchitektur und den Aufstieg zur globalen Großmacht in einer neuen Weltordnung.
Besonders alarmierend ist die zeitliche Prognose des Geheimdienstes: Der MIVD schätzt, dass Russland unter günstigen Bedingungen innerhalb nur eines Jahres nach Beendigung der Kampfhandlungen in der Ukraine ausreichend Kampfkraft generieren könnte, um einen regionalen Konflikt gegen die NATO zu initiieren. Das Ziel wäre nicht der totale militärische Sieg, sondern eine politische Spaltung der Allianz – notfalls unter der Androhung des Einsatzes von Atomwaffen. Die nukleare Bedrohung nimmt ohnehin neue, erschreckende Formen an, etwa durch Tests der nuklear angetriebenen Marschflugkörper „Burevestnik“ und der Torpedos „Poseidon“.
Parallel dazu operiert Moskau in der Grauzone unterhalb der Schwelle eines offenen Konflikts. Sabotageakte in Europa haben eine neue Qualität erreicht, wobei russische Dienste zunehmend auf verschleierte Netzwerke aus Koordinatoren und lokalen „Low-Level-Agenten“ setzen, um ihre Spuren zu verwischen. Im Cyberraum agieren Hackergruppen wie LAUNDRY BEAR, die gezielt niederländische Polizeidaten erbeuteten und sich auf Ministerien und die Verteidigungsindustrie konzentrieren.
▪️ Das Reich der Mitte und die Achse der Autokraten
Während Russland die Brechstange ansetzt, operiert China mit strategischer Geduld. Peking formt aktiv an einer Weltordnung, die westliche Einflüsse zurückdrängen soll, flankiert von Initiativen wie dem „Global Governance Initiative“. Im Schatten des Ukraine-Krieges hat China seine militärische Zusammenarbeit mit Russland massiv intensiviert.
Der Bericht deckt hierbei eine faszinierende wie beunruhigende Symbiose auf: Da Russland aufgrund von westlichen Sanktionen und einem Mangel an eigenen modernen Aufklärungssatelliten (ISR) im Ukraine-Krieg quasi „blind“ ist, greift Moskau zunehmend auf chinesische Raumfahrttechnologie zurück.
Gleichzeitig bleibt China der dominierende Akteur der Cyberspionage. Mit einer „Whole of Society“-Herangehensweise, bei der Bürger und Unternehmen gesetzlich zur Mitarbeit gezwungen werden können, saugt Peking westliches Know-how ab. Die chinesischen Cyber-Fähigkeiten sind mittlerweile auf Augenhöhe mit denen der USA. Exemplarisch hierfür steht die Hackergruppe SALT TYPHOON, die im Jahr 2025 gezielt Router niederländischer Telekommunikationsanbieter kompromittierte.
▪️ Asymmetrische Gefahren: Vom Roten Meer bis Pjöngjang
Die globale Instabilität manifestiert sich jedoch nicht nur im Ringen der Supermächte. Im Nahen Osten spürt auch der Westen die direkten Auswirkungen asymmetrischer Kriegsführung. So griffen die vom Iran unterstützten Houthi-Rebellen im September 2025 das unter niederländischer Flagge fahrende Schiff MV MINERVAGRACHT im Roten Meer an, wobei ein Besatzungsmitglied tödlich verletzt wurde. Der Iran selbst nutzt nach den massiven israelischen Schlägen gegen sein Nuklearprogramm intensiv seine Cyber-Fähigkeiten, um westliche Experten und Regierungsmitarbeiter mit ausgeklügelten Phishing-Kampagnen auszuspähen.
Ein besonders bizarres, aber hochwirksames Bedrohungsszenario stammt aus Nordkorea: Pjöngjang schleust hochqualifizierte IT-Arbeiter unter falschen Identitäten in westliche Unternehmen ein. Diese arbeiten scheinbar als reguläre Fernangestellte, leiten jedoch ihre Gehälter direkt an das nordkoreanische Regime weiter, um das dortige Atomwaffenprogramm zu finanzieren, und stehlen bei Gelegenheit sensible Firmendaten oder Kryptowährungen.
▪️ Der Feind im Inneren und die technologische Flucht nach vorn
Der MIVD richtet den Blick jedoch nicht nur nach außen. Eine wachsende Sorge bereitet der anti-institutionelle Extremismus innerhalb der eigenen Streitkräfte. Der Bericht schildert Fälle von Militärangehörigen, die dem Narrativ einer „bösartigen Elite“ anhängen und sich offen weigern, im Falle eines Krieges für den Staat zu kämpfen – ein besorgniserregender Befund für die innere Kohäsion einer Armee.
Um all diesen Bedrohungen zu begegnen, durchläuft der MIVD selbst eine tiefgreifende Metamorphose. Er wandelt sich zu einem datengesteuerten Nachrichtendienst und investiert massiv in neue Technologien. Ein Meilenstein war der Start eines eigenen Radarsatelliten (SAR) im Juni 2025, um die Aufklärungsfähigkeiten der niederländischen Streitkräfte aus dem All zu revolutionieren.
▪️ Fazit
Der MIVD-Jahresbericht 2025 ist mehr als nur ein administratives Dokument; er ist ein literarisches Zeugnis unserer Zeit. Er erzählt die Geschichte einer Welt, in der die alten Gewissheiten erodieren und Europa gezwungen ist, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Vizeadmiral Reesink lässt keinen Zweifel daran, dass die Ära der Bequemlichkeit vorbei ist: Unruhe und Angst helfen nicht weiter. Was jetzt zählt, sind Aktion, Daadkracht (Tatkraft) und Widerstandsfähigkeit. Es ist eine Lektion, die weit über die Grenzen der Niederlande hinaus Gültigkeit besitzt.


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